Herren1_SG

XL-Bericht zum Derby [MZ]

ESV gewinnt das achte “kleine” Lokalderby in Serie gegen und rückt dem BOL-Spitzenreiter auf den Pelz

Von Gerd Winkler, MZ

REGENSBURG. Was für ein Lokalderby! Die einen skandierten nach der Schlusssirene mit ihrem Anhang lautstark “Derbysieger, Derbysieger”, die Unterlegenen hielten im anderen Drittel der Halle trotzig mit “Spitzenreiter, Spitzenreiter” dagegen. Was war geschehen? 23 Sekunden vor Schluss hatte Steve Müller (wer hätte es denn sonst sein sollen?) für den ESV 1927 an alter Wirkungsstätte den Treffer zum 25:24 (12:12)-Erfolg über die SG Regensburg II erzielt. Dank dem achten “kleinen” Derbysieg am Stück konnten die Eisenbahner den Rückstand auf den gastgebenden Tabellenführer der Bezirksoberliga Ostbayern bis auf einen Zähler verkürzen. Vier Spieltag haben die Kontrahenten noch zu bestreiten.

Viele der 450 Zuschauer hatten trotz Sonnenscheins wohl einen ausgiebigen Sonntag-Spaziergang oder einen Ausflug ausgeschlagen, wurden aber für ihr Kommen an die Alfons-Auer-Straße reichlich belohnt. Vom Anwurf weg sprang der Derbyfunke über, DJ Hermann Reiß und Hallensprecher Udo Litz taten das ihrige zur Hexenkessel-Atmosphäre. Im Fernduell hat das Duo mit ihren Kollegen aus dem Regensburger Westen einen klaren Punktsieg gelandet. Am Abend zuvor herrschte noch Endzeitstimmung, als die Adler der SG gegen Bayernliga-Schlusslicht TuS Fürstenfeldbruck II das vierte Heimspiel in Serie in den Sand setzten – vorausgegangen war ein spielerischer Offenbarungseid.

So groß die Rivalität von jeher ist, so enorm der Einsatz war, der Fairplay-Gedanke wurde gelebt. Der Großraum Regensburg ist eine Handball-Community – über die Vereinsgrenzen hinaus. Langjährige Freundschaften und „Beziehungskisten“ sind an der Tagesordnung. Bezeichnend dafür eine Szene (23.): Bei einer Unterbrechung reichte ESVler Faizi Same von der Bank aus dem SGler Philipp Hildebrand die Trinkflasche. Böse Zungen behaupteten nachher augenzwinkernd, das Abführmittel enthalten war.

Gemeinsame Vergangenheit

Als sich die Teams von ihren Fans verabschiedet hatten, folgte eine Orgie an Shakehands. Diverse Protagonisten sind schon für die Gegenseite aufgelaufen oder haben eine gemeinsame Vergangenheit beim TSV Neutraubling, der mit einer „goldenen“ Spielergeneration gesegnet vor Jahren vor einer höherklassigen Zukunft stand.

Marvin Hoppe erlernte beim TSV das Handballspielen, galt im Juniorenalter als eines der Toptalente seines Jahrgangs in Bayern. “Ich habe zwei gleichstarke Mannschaften gesehen, das Spiel kann so oder so ausgehen”, urteilte der SG-Kreisläufer und stellte klar: “Wir haben es in den vier Spielen noch immer selbst in der Hand. Du kannst auch ohne Derbysieg Meister werden!” In der Vorrunde hatte der ESV mit 28:23 die Oberhand behalten. Teamkollege Tobias Turtenwald, ebenfalls mit Neutraublinger Vita, räumte freimütig ein, “verdient verloren zu haben, wir verwerfen fünf Siebenmeter”. Nun sei es eine ganz einfache Sache: halt die vier Spiele gewinnen. Während dem Derby mutierte der letztjährige Jugendtrainer der SG Mintraching offensichtlich mit Adrenalin bis zum Anschlag zum gefühlten Co-Trainer. Wie Turtenwald den Nachmittag wahrgenommen hat? “Vor dem Spiel begrüßt man sich, da ist noch alles cool, dann ist das der Gegner. Aber nachher trinken wir noch ein Bierchen.”

Für den Ex-Schwandorfer Christoph Deml vom ESV war es das zweite Derby: “Das war Vollgas! Mann, war das geil! Man versteht den Mitspieler nicht, so hoch war der Lärmpegel.” Nun müsse man hoffen: “Die SG hat ein einfaches Restprogramm. Wenn sie es schaffen, sind sie ein verdienter Aufsteiger.” Auch bei Roy Müller regiert das Prinzip Hoffnung: “Vielleicht stolpern sie ja noch oder spielen unentschieden, den besseren Vergleich hätten wir. Wenn nicht, ich gönne es der SG.” Wie sein Bruder Steve spielte der 45-jährige Haudegen beim Lokalrivalen, ehe er in der Ära (Trainer) Kai-Uwe Pekrul wechselte (oder wechseln musste?). Roy Müller war die Coolness in Person: Aufreizend langsam – gefühlt war’s ein Sonntag-Spaziergang – trottete der Teamsenior bei drei Strafwürfen von der Bank ins Gehäuse, machte die Würfe von Basti Heiligtag (6., 17.) und Noah Schäfer (18.) unschädlich. „Ich habe mit Basti zwei Jahre zusammengespielt, ich weiß, wohin er wirft“, gab hernach Müller spitzbübisch zu Protokoll.

Die letzte Führung für die SG in der bis dahin engen Partie erzielte Daniel Brilz zum 19:18 (46.), die die Gäste zum 19:21 (49.) drehten. Fortan überschlugen sich die Ereignisse: Drei Zeitstrafen (49., 50., 51.) für den ESV, eine für die Hausherren (51.) sowie zwei weitere Strafwurf-Fahrkarten (50., 51.) – plötzlich führten die Eisenbahner 23:19 (52.). Jedoch die Vorentscheidung verpasste Bene Fuchs – vom Punkt (52.) aus. SG-Coach Michi Sigl zog eine Auszeit (53.), die Wirkung zeigte – Basti Heiligtag egalisierte zum 24:24 (58.). In wie weit der zu nun Hochform auflaufende Hallensprecher Udo Litz („auf geht’s SG-Fans, unterstützt die Mannschaft!“, „super starke Parade, Fabian Zapf“) Anteil hatte, ist nicht zu belegen. Bei Ballbesitz standen die Hausherren sogar vor der Führung, das letzte Wort hatte jedoch Steve Müller. Grenzenloser Jubel folgte – als eben das Ticket für die Landesliga gelösten worden wäre…

Leichte Fehler gemacht

SG-Trainer Sigl haderte mit den ungenutzten Strafwürfen und “dass wir das Tempospiel nur phasenweise umgesetzt haben. Wir müssen konsequenter in die erste und zweite Welle gehen”. Dafür hätten seine Schützlinge trotz klaren Rückstands Moral bewiesen. Im Angriff seien Heiligtag („ist dahin gegangen, wo’s weh tut“) und Hoppe („hat mächtig Betrieb gemacht“) Aktivposten gewesen. „Durch die Niederlage ist der Druck größer geworden, einen Ausrutscher dürfen uns nicht erlauben“, kommentierte Sigl die Folgen des Ergebnisses: „Jetzt gilt es im Training weiter konzentriert und hart zu arbeiten“.

Gäste-Coach Bernie Goldbach sah seine Truppe “nicht so gut wie beim Sieg gegen Auerbach, da ist der Ball besser gelaufen”. Das sei halt nun dem Prestige und den Emotionen geschuldet gewesen: “Bei 23:19 haben wir das Spiel im Griff, dann machen wir leichte Fehler wie Schritte, Stürmerfoul und Ball auf den Fuß.” In der Abwehr sah Goldbach „eine gute Absprache zwischen Raustreten und sich wieder fallen lassen“. Imponiert hat ihm das Selbstbewusstsein von “Jojo” Simbeck: „Davor hat er sein letztes A-Jugendspiel überhaupt gemacht und bei uns in der Anfangsviertelstunde viel Verantwortung übernommen“. In Bezug auf das Aufstiegsrennen stellte Goldbach klar: „Wir haben ein schweres Restprogramm, außerdem hat die SG mit einem Punkt mehr alle Trümpfe in der Hand“. Eines sei klar: „Wir werden bis zum letzten Spiel fighten…“

Tabellensituation

Dreikampf: 

Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Neben dem ESV 27 haben sich nun auch die Titelchancen für den Dritten SG Auerbach/Pegnitz deutlich erhöht. Der Landesliga-Absteiger hat wie die Eisenbahner sieben “Miese” auf dem Konto.

Aussicht: 

Am Samstag ist die SG Regensburg II spielfrei, der ESV erwartet den HC Sulzbach (4.), Auerbach/Pegnitz spielt beim HC Forchheim (7.).

SG Regensburg II – ESV 1927 Regensburg 24:25 (12:12).

Spielfilm: 3:2, 4:6, 6:8, 9:9, 10:11, 12:12 – 14:15, 16:17, 19:18, 20:23, 24:24, 24:25. 

Strafwürfe: 8/3 – 3/2. Strafminuten: 12 – 12. 

Tore: Heiligtag 8/1, Hoppe 6, Schindler 3, Dachser, Brilz je 2, Bauer 2/2, Turtenwald – Simbeck, S. Müller je 7, Fuchs 4/2, Deml, Bayer, Same je 2, Ehlis.

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