MZ-Bericht über Christian Jordache

Diesen Händen vertraut der ESV

Christian Jordache ist für die Regensburger Handball-Damen mehr als nur der Physio: Der 56-Jährige ist Beichtvater des Teams.
Von Bernhard Neumayer, MZ   Auszug aus Originalartikel: Mittelbayerische Zeitung    Beitragsbild: Ausschnitt aus dem Video der MZ

 

Ein Foto auf der Facebook-Seite der Damen des ESV 1917 Regensburg zeigt die jungen Handballerinnen beim Feiern. Die Mädels – fesch in Dirndl und Lederhosen gekleidet – lassen es sich auf der Regensburger Herbstdult gut gehen. Zwei Frauen haben eine Maß Bier in der Hand. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man auch einen Herren mit kurzen, grauen Haaren. Es ist Christian Jordache, der Mann, dem die Mädels des ESV vertrauen. Ein Hemd hat er auf dem Foto an, keine Tracht, keine Lederhose.

In seinem kleinen Kammerl in der ESV-Halle an der Dechbettener Brücke ist er der Mann, der die Hosen anhat – im übertragenen, aber auch im wörtlichen Sinn. Denn wenn es sein muss, entkleiden sich die jungen Mädels – zumindest zum Teil. Denn: Seit 2015 massiert Jordache als Physiotherapeut die Mädels des ESV Regensburg.

Je nach Bedarf massiert er die Damen ein- bis zweimal pro Woche. Die Spielerinnen kommen vor dem Training in sein kleines Reich. Spärlich ist Jordaches Kammerl eingerichtet. An der Wand hängen zahlreiche Schlüssel und über dem kleinen, weißen Waschbecken ein Spiegel. Zudem ein kleines Bänkchen, ein Tisch mit einer kleinen, dunkelblauen Tasche – und das wichtigste: eine Behandlungsliege.

Auf der mit einem weißen Laken überzogenen Massagebank nimmt gerade Mirela Negrutiu-Chirila Platz. Die Außenbahnspielerin hat Rückenprobleme. Jordaches Behandlung ist für die Rumänin goldwert: „Für mich ist das sehr wichtig, zweimal die Woche massiert zu werden.“ Mit ihrem Landsmann redet sie während der Behandlung auch das ein oder andere Mal über ihre gemeinsame Heimat.

Vor 27 Jahren verließ Jordache Rumänien Richtung Deutschland. Sofort landete er in Regensburg. Seitdem lebt er in der Domstadt und will nicht mehr weg – auch wegen seiner ESV-Damen. „Der Verein und die Mädels sind für mich wie eine Familie“, sagt Jordache. Während er die Handballerinnen behandelt, spricht er viel mit ihnen – über den Sport, die Arbeit, das Studium und über Privates.

„Oder die Mädels regen sich bei mir über die Trainer auf“, erklärt Jordache und lacht. Wenn die Coaches ihrer Meinung nach falsch aufstellen und die eigenen Einsatzzeiten kürzer sind als erhofft, sei das auch legitim, sich bei ihm zu beschweren. „Bei mir können sich die Mädels ausheulen, ohne dass ich es den Trainern erzähle“, sagt der Physiotherapeut. Einer der beiden Coaches, Stefan von Frankenberg, findet es sogar gut, dass die Mädels Jordache dafür nutzen, Dampf abzulassen. „Die sollen das ruhig machen“, sagt er gelassen. Oft sei das nötig. Bei einem qualitativ gut besetztem Kader sei es schließlich normal, dass die ein oder andere Spielerin weniger als erhofft auf dem Feld steht. „Ich will aber gar nicht wissen, wer da bei Christian lästert und was da geredet wird“, sagt von Frankenberg grinsend, wenn er über den „Beichtvater“ im Kammerl redet.

Auch wenn Jordaches offenes Ohr und seine warmen Worte vor allem von den Mädels sehr geschätzt werden, stellt von Frankenberg auch klar, dass die Gesundheit der Spielerinnen in erster Linie Jordaches Aufgabe ist: „Vor allem die Erstversorgung direkt nach einer Verletzung ist dafür entscheidend, wie lange eine Spielerin ausfällt.“ Da Jordache bei den meisten Spielen dabei ist, kann er im Notfall sofort eingreifen. Zur Zweitversorgung kommen die verletzten ESV-Mädels dann entweder in seine Praxis in der Regensburger Lilienthalstraße oder in das Kammerl.

Dort liegt gerade Linda Baumgardten auf der Massagebank. Die Außenbahnspielerin hat es sich auf dem Bauch bequem gemacht. Ihre Waden sind verhärtet. Bei vier- bis fünfmal Training pro Woche in der Vorbereitung ist das kein Wunder. Bevor der 56-Jährige seine kräftigen Daumen in die Wadenmuskulatur der Spielerin drückt, geht er zu dem kleinen Tisch und nimmt sich etwas Massagecreme aus einer Tube, die in seiner kleinen, dunkelblauen Tasche steht. Darin verstaut Jordache auch weitere Utensilien, die er zur Behandlung brauchen könnte: bunte Kinesio-Streifen, weiße Tapes, eine kleine Schere, Sprays, Seife und Verbandmaterial.

Jordache ist mit seiner blauen Tasche für alle Verletzungen gewappnet. Für den Fall „Baumgardten“ braucht der Physiotherapeut aber nur seine Creme – und natürlich seine Hände. Mit den Daumen drückt er gezielt auf die verhärteten Stellen in der Wadenmuskulatur. So sollen sich die Verspannungen lösen – auch wenn es für Baumgardten auf der Liege manchmal etwas schmerzhaft ist. Wegen des Druckschmerzes verzieht sie ab und an ihr Gesicht. Doch nach der Behandlung erzählt sie, wie wichtig Jordache für das Team ist – nicht nur aufgrund seiner Hände: „Er verarscht uns manchmal, freut sich mit uns und pusht uns am besten.“

Auf der Bank fiebert der eigentlich sonst so ruhige Rumäne sehr stark mit und wird ab und zu sehr emotional – weil ihm die Mädels und der ESV am Herzen liegen. Meist bleibt er dabei sachlich. Nur einmal wurde aus dem Ruhepol Jordache ein Vulkan. Es war in der vergangenen Saison. Gegen wen der ESV spielte, wissen weder der Physiotherapeut noch die Spielerinnen. „Es ging im Abstiegskampf um wichtige Punkte“, blickt Jordache zurück. Knappes Spiel, hitzige Atmosphäre – da wurde es Jordache zu viel.

Grund war eine vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns. „Ich habe den Schiri beleidigt“, gibt Jordache kleinlaut zu. Eine gelbe Karte hat er dafür kassiert. „Ich war in dieser Situation außer mir und habe protestiert“, sagt Jordache mit leiser Stimme. Doch nach dem Spiel habe er sich bei den Schiedsrichtern dafür entschuldigt.

In der Regel ist Jordache aber nicht dafür bekannt, mit den Unparteiischen so hart ins Gericht zu gehen. Er ist ein höflicher, offener Mensch, der aber auch seine Meinung sagt – vor allem, wenn es um Verletzungen geht. „Wenn ein Mädel angeschlagen oder verletzt ist, sage ich zu den Trainern, dass sie nicht spielen soll“, macht Jordache klar. In den meisten Fällen hören die Trainer auch auf seine Einschätzung, wie von Frankenberg sagt. „Weil er aufgrund seiner Erfahrung mit seiner Diagnose eigentlich immer richtig liegt.“

Ob der Physio auch mit seiner sportlichen Einschätzung Recht behält, bleibt abzuwarten. Er traut dem ESV in den kommenden Jahren auf jeden Fall Großes zu. „Ich will mit dem ESV irgendwann in die 2. Liga aufsteigen“, sagt der ehrgeizige Physio. Dann würde er nicht nur gelangweilt dastehen wie auf dem Dult-Foto, das auf Facebook hochgeladen wurde. Dann würde er ganz sicher mit den Mädels feiern – so wie sich das bei einem Aufstieg eben auch gehört.

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